Bewerbung per Video – Warum ich bei dem Hype nicht (mehr) mitmache

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„Mh, ok. Passt. Ne, jetzt sieht man den Laufstall im Hintergrund. Vielleicht so..? Nein, das spiegelt sich. So passt es…“

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„Ok, jetzt gut aufpassen. Ist das der Button? Nein… Oh, doch! Ähm… mein Name ist ähm…“

Lehren aus dem Selbstversuch

So, oder so ähnlich, lief mein erster Kontakt mit einem Video im Bewerbungsverfahren. Bitte dreht mir keinen Strick daraus, dass es sich hierbei nur um ein Gedächtnisprotokoll handelt. Und: ja, ich habe mich extrem dämlich angestellt. Das Ergebnis war natürlich nicht wirklich berauschend was zum Schluss natürlich auch nicht zu einem weiteren Gespräch oder einem Angebot geführt hat.

Viel wichtiger als die Frage, ob ich nun damals den Job bekommen habe oder nicht, ist jedoch die Frage wie ich mich dabei gefühlt habe. Man muss ergänzen, dass das Unternehmen damals keine „Videobewerbung“ im eigentlichen Sinn angeboten hatte sondern, dass es sich eher um einen vorgeschobenen Schritt im Bewerbungsprozess gehandelt hat. Ich erinnere mich noch, dass ich damals nicht wirklich das Gefühl hatte, von dem Unternehmen wertgeschätzt worden zu sein. Ich hätte viel lieber mit einem richtigen Menschen gesprochen, und sei es nur per Telefon oder Skype.

Nun bin ich selbst nicht der unkommunikativste Typ und muss mir unweigerlich vorstellen, wie meine eigenen Zielgruppen im Recruiting mit dieser Aufgabe umgegangen wären. Ich komme zu dem Schluss, dass die meisten es dann wohl lieber gelassen hätten. Und genau das war wohl das Gegenteil dessen, was der Unternehmen zu erreichen versucht hatte.

Video-Bewerbung vs. Videointerview

Jetzt werden die ersten natürlich sagen: „Das war ja aber auch keine richtige Videobewerbung sondern eine Art Videointerview!“ Das ist natürlich vollkommen richtig, ändert am Setting jetzt aber erstmal wenig. Ich hatte Zeit mich vorzubereiten, hatte mir einen Text zurecht gelegt, etc…. Wäre es um eine Videobewerbung gegangen, hätte ich wohl nichts anders gemacht. Der einzige Unterschied wäre in der Frage gelegen, ob es sich um einen Pflichtbestandteil der Bewerbung (oder im Prozess, wie in meinem Beispiel) gehandelt hätte oder um ein mögliches ad on.

Und genau hier liegt auch schon die erste Falle: Introvertierte Typen lassen sich leicht von so einer „Bewerbungshürde“ abschrecken. Aber wir können es uns nicht wirklich leisten, diese Leute auf dem Weg zu verlieren. Gerade sie sind oft die „Talente“ die wir im Unternehmen suchen. Und selbst wenn ich es nicht zur Pflicht mache, so hat es doch immer ein „Geschmäckle“ wenn ich es dann nicht nutze.

Touchpoint oder Bewerbung

Das führt mich indirekt zur nächsten Frage: Handelt es sich hierbei nur um einen weiteren Touchpoint oder stelle ich mein Bewerbungsverfahren dementsprechend auf (siehe hierzu mein Beitrag „Touch Points im Recruiting – Bewerbungshürden senken oder nur Ansprachen generieren„). Ich finde es unglaublich lächerlich, meinen Bewerbern die Möglichkeit einer Videobewerbung zur Verfügung zu stellen und im nächsten Schritt trotzdem einen Lebenslauf, Zeugnisse, etc. von ihm zu verlangen. Als Bewerber kann man sich da durchaus mal die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellen. Die wenigsten Unternehmen werden den Weg konsequent gehen und im Nachgang auf einen Lebenslauf o.ä. verzichten.

Es stellt sich ebenfalls die Frage nach dem Wertgehalt so eines Videos. Klar, ich kann mich in der 30-sekündigen Aufnahme kurz selbst vorstellen. Wer bin ich? Was tue ich? Ende. Aber einen richtigen Überblick über meine Leistungen, Weiterbildungen, usw. werde ich so nicht rüberbringen können. Und was erwarte ich vom Personaler auf der Gegenseite? Wird es sich das gesprochene merken? Schreibt er ganz aufmerksam mit? In Wahrheit wird dieses Video die Entscheidung höchstens dahingehend beeinflussen, wer am sympathischsten rüber kommt, besonders kreativ ist oder einfach nur im Gedächtnis bleibt.

Fazit

Und genau darin sehe ich einen Möglich Nutzen. Die Videobewerbung kann ein Ad-on sein für Unternehmen, denen es bei der Bewerbung auf Kreativität und Begeisterungsfähigkeit ankommt. Wer einen Mitarbeiter sucht, der einem Eskimo im Elevator Pitch einen Eisschrank verkauft, der kann sich mit einem Video davon überzeugen lassen. Und für mich als Bewerber schafft es die Möglichkeit, mich mit einem kreativen Beitrag von der Masse abzusetzen. Ich sehe es wie eine Art von Portfolio, welches ich meinen Bewerbungsunterlagen beilege. Die Gefahr bleibt, dass technisch versierte aber introvertierte Bewerber dabei auf der Strecke bleiben oder sogar abgeschreckt werden.

In Summe für mich eine nette Spielerei, die aber dem Hype darum (in meinen Augen) nicht gerecht werden kann

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5 thoughts on “Bewerbung per Video – Warum ich bei dem Hype nicht (mehr) mitmache”

  1. Hallo Stefan,

    danke für diesen kritischen Beitrag. Ich sehe das ganz ähnlich: Modernes Recruiting bedeutet für mich, den Bewerbern auf Augenhöhe zu begegnen, wahres Interesse an ihnen zu zeigen und für ein gegenseitiges Kennenlernen zu sorgen. Einseitige prüfungsartige Zusatzverfahren, die letztlich dem eigentlichen Standardverfahren nur vorgeschaltet werden, halte ich für durchaus diskussionswürdig.

    Letztlich wird das der Markt allerdings selbst regeln: Wenn sich Bewerber davon abschrecken lassen oder die Besten einfach keine Lust auf bewegte Bilderschau statt echtem Kennelernen haben, dann verlieren die Unternehmen diese Kandidaten.

    Viele Grüße vom Persoblogger

  2. Das Thema Videobewerbung/Interview ist sehr breit und so unterscheiden sich die Lösungen der verschiedenen Software-Anbieter für Video-Interviews durchaus erheblich.

    Nach meiner Erfahrung kan man sagen, dass es Nischen (z.B. Kandidaten im Ausland rekrutieren oder Kandidaten für Praktika oder für Sales-Jobs) für diese Tools gibt. Aber eine breite Anwendung zeichnet sich in D-A-CH nicht ab.

    1. Hallo Norbert, vielen Dank für dein Feedback.

      Ich sehe das genauso. Allerdings Ziele ich ja eher auf das Thema Video-Bewerbung ab und weniger auf das klassische Videointerview. Dem stehe ich eher offen gegenüber. Kann ich damit doch Wartezeiten im Bewerbungsprozess und unnötig lange Anreisen vermeiden. Da sehe ich durchaus Zukunft.

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