Systematische Zeiterfassung – Gerechtigkeit für alle oder Tod für New Work?

In seinem neuesten Urteil (Rechtssache C-55/18) haben die obersten EU-Richter entschieden, dass ab sofort alle Arbeitgeber innerhalb der EU verpflichtet sein sollen, die Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten systematisch zu erfassen. Hierüber wurde, u.a. im Handelsblatt, ausführlich berichtet. Was bedeutet das nun für uns? Eigentlich bin ich ja eher im Recruiting heimisch, wage mich hier aber aus persönlicher Betroffenheit hinaus auf ein fremdes Parkett.

Wie ist die Ausgangssituation?

Bereits heute ist im deutschen Arbeitszeitgesetz die Höchstarbeitsdauer (in der Regel max. 10 Stunden), sowie vorgeschrieben Ruhezeiten und Pausen erfasst. Eine Pflicht zur Aufzeichnung der Arbeitszeit existiert jedoch bislang nicht.

Weiter haben Arbeitsgerichte entschieden, dass sogenannte „All in“-Verträge, sprich Arbeitsverträge mit der Klausel „alle Überstunden sind mit dem Bruttogehalt abgegolten“ unwirksam sind. Es ist lediglich möglich, eine bestimmte Anzahl von Überstunden (z.B. 25 Überstunden) damit abzugelten. Jede weitere Überstunde müsste dann jedoch vergütet werden.

In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen Arbeitnehmer ihre Stunden konsequent dokumentiert hatten und am Ende der Beschäftigung dem Arbeitgeber eine saftige Rechnung präsentiert haben. Dem haben deutsche Richter aber einen Riegel vorgeschoben, indem sie (sinngemäß) festgestellt haben, dass der Arbeitgeber die Stunden auch angeordnet haben muss. Sprich: er musste die geschriebenen Stunden auch abzeichnen. Und hier stellt sich die Frage: wer tut das? Der Chef wäre schön blöd und der Arbeitnehmer wohl im Zweifel jede Chance auf eine Karriere los. Begibt man sich doch sofort in den Verdacht ein Stundenzähler und Zeitabsitzer zu sein.

Verhindert die Zeiterfassung nun die schöne neue Arbeitswelt?

Direkt nach dem Urteil hörte man es auch direkt von allen Seiten: ein bürokratisches Monster sei erschaffen worden! Vertrauensarbeitszeitregelungen passé! Die hart erkämpfe Flexibilisierung der Arbeitszeit dahin! Überwachungsstaat! Der Tod von New Work! Sowohl der Wirtschaftsflügel von CDU & CSU, als auch die FDP, Arbeitnehmerorganisationen, aber auch etliche New Work-Blogger, StartUpper und Kreative haben sich hier bereits mehr als kritisch zu Wort gemeldet. Sie alle betrachten die Entscheidung des EuGH jedoch nur aus ihrer eigenen Brille.

Die Diskussion spiegelt jedoch sehr schön die Fragmentierung der Arbeitslandschaft in „Wissensarbeit“ und die klassische „Präsenzarbeit“ ab. Und damit meine ich nicht das Absitzen von 8 Stunden auf dem Bürostuhl, sondern eben Tätigkeiten die eine körperliche Anwesenheit zwingend bedingen. Zum Beispiel soziale Arbeit, Handwerk, technische Berufe usw..

Dem Wissensarbeiter ist es bereits heute wurscht wo und wann er arbeitet. Ob das immer gesund ist, sei mal dahingestellt (Stichwort Burnout). Er kann seine (meist kreative) Leistung auch gar nicht 8 Stunden am Stück abrufen. Social Media-Manager, Berater und Software Entwickler sind hier perfekte Beispiele. 

Dem gegenüber steht zum Beispiel der Krankenpfleger, der nicht einfach nach 4 Stunden mal die Tochter von der Kita abholen kann und dann den Patienten von zu Hause wäscht.

Während der erstere seine Arbeit bereits heute nur unter totaler Ignoranz der Arbeitszeitgesetze so ausführen kann wie er es selbst möchte, stellen diese für letzteren eben das letzte Bollwerk gegen totale Ausnutzung dar. Wenn die Arbeitszeit denn erfasst wird. Ich kenne Unternehmen, in denen teilweise 16-20 Stunden am Stück gearbeitet wird aber dann auf der Abrechnung pauschal nur 10 Stunden erscheinen, da das Arbeitsgesetzt nicht mehr zulässt.

Und an genau diese Fälle richtet sich eben das EuGH-Urteil. Und dafür ist es auch ein gutes und lange überfälliges Urteil. Wie das mit der Welt des New Work zusammengebracht werden kann und wie es dann in den Betrieben umgesetzt wird, darüber müssen sich schlauere Menschen als ich Gedanken machen.

Ein Bekannter schrieb dazu unlängst: „als jemand, der jahrelang in einer Vertriebsfirma für ‚erklärungsbedürftige Produkte‘ gearbeitet hat, hätte ich eine striktere Arbeitszeiterfassung für dringend notwendig erachtet. Jeder Versuch der Selbstorganisation endete vor dem Arbeitsgericht, weil man die absurden Arbeitszeiten bis hin zur Nötigung mit aller Gewalt beibehalten wollte. Deswegen gab es bei uns auch große Fluktuation, aber nicht in jeder Branche und nicht in jedem Job kann man mal so eben jobhoppen, wenn was nicht passt.“

Kinder des Sommers

In der Serie „Game of Thrones“ heißt es an einer Stelle sinngemäß: „Ihr seid alle Kinder des Sommers und habt noch keinen Winter erlebt!“. Im übertragenen Sinne könnte man sagen, dass viele die heute froh sind, dass es keine Zeiterfassung gibt das morgen bereuen können. Aus Erfahrung weiß ich: Wirtschaft ist zyklisch. Der nächste Winter kommt also bestimmt. Und spätestens wenn es eines Tages nicht mehr die Option der Wahl ist einfach den Job zu wechseln, schlicht weil es keine gibt, und die Arbeitgeber wieder am längeren Hebel sitzen werden sich die ersten der heutigen Berufsanfänger nach ganz klassischer, bürokratischer Zeiterfassung sehnen.

Ich habe ebenfalls selbst jahrelang im Vertrieb eines Personalvermittlers gearbeitet. Ich weiß wie es ist, von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends zu arbeiten. Wie die Frage, ob man denn mal einen Tag früher gehen dürfe, zu einem Spießrutenlauf und Psychoterror ausgeartet ist. Ich wurde genötigt am Feiertag zu arbeiten um „Zeichen zu setzen“ und ich habe das alles für einen Hungerlohn getan. Und spätestens wenn man sich einmal seinen realen Stundenlohn ausrechnet, kommt man zu der Erkenntnis, dass totale Freiheit und Flexibilität auch für Wissensarbeiter eine Schattenseite haben kann.

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